Stephan Hallmann - Photographien
Stephan Hallmann - Photographien

CHINA - Impressionen         aus einem ehemals kommunistischen Land

Es ist ein Abenteuer, China zu erleben. Abgesehen von oft unerträglicher Schwüle, Hitze und einem Giftgehalt der Luft, den bei uns die Polizei nicht erlaubt, ist es allerdings weniger ein körperliches Abenteuer als ein optisch-geistiges. Indiana Jones würde sich hier zu Tode langweilen. Aber mich traf der Schlag. Als einer, der Ende der 60’er Jahre als Schüler und Student mit den revolutionären Bewegungen der Dritten Welt sympathisiert und die Geschichte vom "Langen Marsch" Mao-Tse-Tungs und seiner Bauernguerilla in China bewundernd verschlungen hatte - bis mir dämmerte, dass Mao nicht nur ein grosser Revolutionsführer war, sondern auch ein grausamer Despot. Und nun? 1989 war ich das erste Mal in China gewesen, als dort mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Ansätze einer demokratisachen Opposition blutig unterdrückt wurden. 25 Jahre später habe ich ein Land besucht, das wohl ohne Übertreibung das kapitalistischste der Welt genannt werden kann.

Geld wiegt mehr als Ideologie und Propaganda-Sprüche

Geld regiert das heutige, moderne "Reich der Mitte", in dem ein atem- beraubender, ungezügelter Kapitalismus herrscht. Eine Riege kommunistischer Funktionäre reitet den ungestümen Stier und versucht dabei – wie beim Rodeo – nicht aus dem Sattel gehoben zu werden mit ihrem überholten politischen Überbau. Auch für diese ideologischen Gralshüter des angeblich noch kommunistischen China ist Geld sehr wichtig, wie wir an ihren angehäuften Millionen- und Milliardenvermögen ablesen können, die sie allerdings vor "den Massen" tunlichst zu verheimlichen suchen. Die Söhne dieser Spitzen-Revo- lutionäre machen ihren Vätern einen ärgerlichen Strich durch die Rechnung, wenn sie mit ihren Ferraris in Begleitung leicht bekleideter Mädchen durch die Strassen von Peking oder Shanghai brausen. Und damit klar machen, dass die Parteibonzen es sich verdammt gut gehen lassen im "kommunistischen" China.

 

Der Chefideologe Mao ist tot, es lebe der Yuan, oder Kuai, wie das chinesische Geld im Volksmund heisst. Die soziale Schere öffnet sich mit Lichtgeschwindigkeit im China von heute. Auch der im Galopp zu Reichtum gelangte neue Mittelstand Chinas wirft nur so mit dem Geld um sich. Die über 250 Millionen bettelarmen Wanderarbeiter Chinas strampeln sich dagegen unter bemitleidenswerten Verhältnissen ab, um ein bisschen Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren. China bietet sie den unzähligen ausländischen Fabriken als billige Arbeitskräfte an.

 

China mutiert zu einem Land der ungeahnten Kontraste: megareich und superarm. Modern und rückständig. Glänzend vor neuem Chrom- und Glas aber auch dreckig-verkommen. Im Sonnenglanz strahlend und von milchig-grauem Smog betäubt. Und über all den unversöhnlichen Gegensätzen trohnt noch immer die kommunistische Partei - allmächtig und zum chinesischen Turbo-Kapitalismus passend wie die Faust aufs Auge. 

 

Die Besinnung etwa auf die alten Werte des Konfuzianismus im postkommu-nistischen China, dürfte eine Entwicklung sein, die der zunehmende Wohlstand der entstehenden Mittelschicht und deren Ansprüche an die Lebensqualität mit sich bringen wird. Die offizielle Rehabilitierung des altehrwürdigen chinesischen Gelehrten durch die Parteiführung, die wir erleben, ist dagegen eher kosme-tischer Natur. Denn Philosophie und Kultur des "alten" China geniessen weltweit ein hohes Ansehen und werden mit der einstigen Grösse des chinesischen Riesenreichs identifiziert. Die Pekinger Führung möchte mit diesen alten "Pfunden" wuchern und sie als Sympathieträger für das aufstrebende Land nutzen, das dabei ist, etwas in der Geschichte der Menschheit einmaliges zu schaffen: sein Comeback als Weltmacht. Wirtschaftlich geniesst es als gewaltiger Markt bereits weltweit Anerkennung und Respekt. Aber wie sieht es mit der Wertschätzung darüber hinaus aus? In Sachen Sympahtiewerte jedenfalls ist das heutige China alles andere als ein Weltmeister.

 

In China selbst ist unter den Hunderten von Millionen armer Chinesen ein hohes Mass an Desillusionierung und Gewaltbereitschaft zu beobachten. Wir hören ab und zu davon, wenn politische und ethnische Unterdrückung im Spiel sind. Aber auch das alltägliche Leben ist voller Spannungen. Überall lodert der Hass der einfachen Menschen auf lokale Parteikader und ihre schamlose Bereicherung auf. Angefacht durch die Brutalität, mit der die Ordnungskräfte vermeintliche Vergehen ahnden. Da schlagen Beamte eines lokalen Ordnungamtes einen Bauern tot, der seine Wassermelonen "illegal" auf der Strasse verkauft und sich nicht fügen will. Auf der anderen Seite prügeln aufgebrachte Menschen in einem Provinznest Beamte zu Tode, die einem Fahrradhändler das Leben schwer machen und seine Waren konfiszieren wollen. China ist ein Pulverfass, das bei all seiner wirtschaftlichen Dynamik von der Parteispitze in Peking sehr behutsam gesteuert werden muss, wenn es nicht explodieren soll.

 

Eine brachiale wirtschaftliche Entwicklung hat das riesige Land erfasst, die zutiefst kapitalistisch und so gar nicht vom "Geist des Kommunismus" beseelt ist. Ein Entwicklungsmodell, das viele Fragen aufwirft. Und in den Schubladen des Politbüros liegen die Pläne zu einer weitergehenden grossangelegten "Verstädterung" Chinas. Das bedeutet, der Zement- und Betonboom wird weiter-gehen und das Agrarland China mehr und mehr zu einem Netz von Satelliten-städten werden, rund um die jetzt schon bestehenden Millionenmetropolen Shanghai, Peking, Guangzhou, Shenzhen, Wuhan, Chongqing, Chengdu, Xi'an, Tianjin, Shenyang, Harbin, Nanjing, Taiyuan, Changchun, Changsha, Jinan, Shijiazhuang, Jilin, Hangzhou, Nanchang, Qingdao..., um nur einige der rund 50 Millionenstädte Chinas zu nennen. 

 

 

Der revolutionäre Arbeiter-Dress hatte uns lange Zeit dazu verleitet, die Chinesen der kommunistischen Volksrepublik als „blaue Ameisen“, als Einheitsmensch in Millionenauflage abzutun. Das ist vorbei. China heute: das bedeutet Reichtum anstreben und ihn protzig zeigen, oder ihn möglichst zu verstecken, wenn man ein hoher Parteifunktionär ist. China, das ist dreckige Luft und eine unglaublich virulente Kunstszene, das ist Beton-Kommunismus und anarchistischer Indivi-dualismus, das bedeutet Zentralstaat und Provinzen, die sich einen Dreck um das scheren, was die Zentrale will. Das ist: ganz arm und ganz reich. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie daraus die Weltmacht Nummer Eins wird.

 

Der "Singles Day" am 11.11.2017

 

Ein schönes Beispiel dafür, wie in Chinas "K&K-Monarchie" aus KP-Herrschaft und Kapitalismus letzterer unvorstellbare Blüten treibt, mit Verkaufsrekorden und Milliarden-Umsätze.

 

Shanghai (dpa) - Die Chinesen haben am sogenannten Singles Day ihren Online-Händlern Verkaufsrekorde beschert: Allein Alibaba, Chinas grösster Internethändler, verkaufte an diesem Samstag Waren im Wert von 168,3 Milliarden Yuan (21,8 Milliarden Euro), rund 48 Milliarden Yuan mehr als im vergangenen Jahr.

 

Ursprünglich galt der 11.11. in China unter Studenten als eine Art Anti-Valen- tinstag für Alleinstehende, weil das Datum nur aus Einsen besteht. Vor acht Jahren begann dann Alibaba, seinen Kunden an dem Tag für 24 Stunden hohe Preisnachlässe zu gewähren. Zahlreiche Konkurrenten folgten dem Beispiel, wodurch der jährliche Singles Day zur großen Rabattschlacht wurde.

 

Auch JD.com, ein anderer großer Internethändler, verkündete neue Rekorde. In den ersten 30 Minuten habe der Konzern Klimaanlagen im Wert von um- gerechnet 65 Millionen Euro verkauft - soviel wie am gesamten Singles Day 2016. Die Umsätze mit Lebensmitteln stiegen bei JD in der ersten Stunde um 350 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Schmuck-Verkäufe versechsfachten sich sogar. 150 000 Rasierer und 100 000 Mikrowellen wurden in nur 60 Minuten gekauft - mehr als im gesamten Oktober zusammen. Mehr als sechs Millionen Pakete hatte der Konzern bis zum Nachmittag verschickt.

 

Alibaba, dessen Kunden nach eigenen Angaben am Samstag zu 92 Prozent per Smartphone einkauften, zelebrierte den Shopping-Rausch mit einer großen Party in Shanghai. Eine riesige Leinwand präsentierte live den aktuellen Umsatz. Sänger Pharrell Williams, Hollywood-Star Nicole Kidman und die chinesische Schauspielerin Fan Bingbing traten am Vorabend zusammen mit Alibaba-Chef Jack Ma in einer Fernsehgala auf, um für den Verkaufstag zu werben.

 

Viele Kunden in China warteten auf den Singles Day und schoben geplante Großkäufe bis dahin auf. «Ich habe ein neues Sofa, einen Wasserfilter und Kleidung für meine Kinder gekauft», sagte die 32-Jährige Wenwen aus Peking, die umgerechnet etwa 1300 Euro ausgab. Gu Sifan, eine 23 Jahre alte Innenausstatterin aus Shanghai, sicherte sich einen Jahresvorrat an Cremes und Duschgel: «Die Rabatte waren allerdings letztes Jahr höher».

 

Für Aufmerksamkeit in Chinas sozialen Medien sorgte das Angebot eines Schnapsherstellers, der für 11 111 Yuan (umgerechnet etwa 1500 Euro) seinen Kunden einen lebenslangen Vorrat an Alkohol versprach. Zu dem Preis sollten 33 Käufern, die zuerst zugriffen, bis zu ihrem Tod mit zwölf Flaschen «Baijiu»-Schnaps pro Monat beliefert werden. Sollten sie in den nächsten fünf Jahren sterben, würde das Lieferrecht an ein Familienmitglied übertragen.

 

Nicht die Erfüllung lang ersehnter Wünsche, sondern vor allem Überstunden bedeutete der Singles Day für die Mitarbeiter und Lieferanten der Online-händler. «Wir arbeiten rund um die Uhr und essen viele Instant-Nudeln», sagte Belinda Chen vom Jd.com.

 

Chinas Wirtschaft war in den ersten drei Quartalen des Jahres um 6,9 Prozent gewachsen. Während der Außenhandel nicht mehr so gut läuft wie früher, wird der heimische Konsum zu einer immer wichtigeren Stütze für das Wachstum.

 

Quelle: dpa-AFX, Simina Mistreanu und Jörn Petring