Stephan Hallmann - Photographien
Stephan Hallmann - Photographien

Jeder Flüchtling aus Afghanistan, dem Irak, Syrien ist ein Zeichen für unser eigenes Versagen

Haben wir wirklich geglaubt, in unserer viel besungenen globalisierten Welt, wir könnten die Früchte aus aller Welt ernten, nur die Früchte, aber uns sonst alles vom Halse halten? Etwa, dass die Armen und Notleidenden der südlichen Hemisphäre am  Ende aus ihrer "Unterwelt" gen Norden flüchten? Und das, wo wir einen gewaltigen Anteil der Schuld an diesem Flüchtlingsstrom tragen. Diese Flüchtlingskatastrophe ist hausgemacht – in den USA und Europa!

Momentaufnahme Ungarn  - August 2015

Wegen eines brutalen Krieges, der ihr Land verwüstet und dessen Opfer vor allem die Zivilbevölkerung ist, verlassen Millionen ihre Heimat.

Flüchtlingsfamilie in einem Auffanglager in Röszke, Ungarn im August 2015

 

In Syrien zwingen das Terrorregime des Präsidenten Bashar al-Asad und seine Gräueltaten gegen die syrische Bevölkerung und in manchen Gegenden des Landes die Terrormiliz „islamischer Staat“ die Menschen zur Flucht.

 

Im Irak sind es das blutige Chaos und der Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, zu dem die Invasion durch US-Truppen geführt haben.

 

In Afghanistan ist es mittlerweile der zweite verlorene Krieg, den dort ausländische Mächte – darunter auch Deutschland – in diesem Land führen.

 

In Somalia, in Eritrea, in......... haben die europäische Kolonialpolitik und die Unterstützung grausamer Dikta- toren durch die internationale Staatengemeinschaft sozia- le Ungerechtigkeit, tiefe Armut und Gewalt gesät.

 

Wer glaubt, die Flucht all dieser Menschen sei alleine ihr Problem, der macht es sich zu einfach.

Krieg in Afghanistan

 

Afghanistan ist ein Land, zu dessen Verwüstung der Westen entscheidend beigetragen hat. Er hat die sowjetischen Besatzer, die bis 1989 im Land waren dort mit Hilfe afghanischer Krieger, den Mujahideen, bekämpft. Nicht aus Nächstenliebe für das afghanische Volk (wo greifen wir heute überall nicht ein, wo die Bevölkerung massiv Gewalt und Terror ausgesetzt ist!). Afghanistan war für uns ein temporäres Schlachtfeld im globalen Machtkampf mit der damaligen Sowjetunion. Als die sowjetischen Truppen abzogen, verlor der Westen sein Interesse an dem zerstörten Land und überliess es sich selbst. Die amerikanische Botschaft war praktisch für Jahre geschlossen.

 

Und was haben wir bei unserer Bestrafungsaktion gegen und in Afghanistan (nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington) denn anders gemacht als damals die sowjetischen Besatzungstruppen? Nichts! Wir lassen (erneut) ein ausgebombtes Land im Chaos zurück. Viel Blut ist geflossen und viel böses Blut hinzugekommen. Ein aggressiver, gewaltbereiter Islamismus hat sich am Hindukusch eingenistet, nachdem er von westlichen Geheimdiensten mit Hilfe Pakistans dort künstlich lanciert worden war, als Waffe im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer. Wir, der Westen haben die Taliban, Nachfolger der Mujahiddeen, geschaffen! 

 

Unser politisches Bewusstsein und unser Verständnis der Geschichte reichen nicht viel weiter als bis zu unserer Nasenspitze. Ich habe vor nicht zu langer Zeit einen bekannten Fernsehjournalisten von einem „feigen Hinterhalt“ der Taliban gegen unsere Soldaten in Afghanistan reden hören. Als noch die Sowjetarmee Besatzungsmacht in Afghanistan war, da feierte man im Westen solche Hinterhalte, bei denen russische Soldaten starben, als „Freiheitskampf des afghanischen Volkes“. Ja, nicht nur das, auch die Waffen für jene Hinterhalte gab der Westen damals den Mujahideen in die Hand.

 

Krieg im Irak

 

Im Irak hat die demokratische westliche Welt gleich zweimal katastrophal versagt und ihre Prinzipien verraten. Der Angriff auf den Irak wurde mit fabrizierten Lügen begründet, wie man heute eindeutig weiss. Und betrieben von alten bösen Männern wie Dick Cheney und Donald Rumsfeld, die schon alles in der Welt erreicht hatten, Reichtum und politische Macht, und nun ein geostrategisches „Monopoly“ auf Weltebene spielen wollten und die politische Landkarte des Nahen und Mittleren Ostens mit Gewalt verändern. Sie erteilten der klugen Politik eines George Bush Sr. eine Absage, der den Diktator Saddam Hussein im ersten Golfkrieg nur militärisch geschlagen und in seine Schranken verwiesen hatte, und brachten George Bush Jr. dazu, sich auf ein verhängnisvolles Irak-Abenteuer einzulassen.  Der  Anschlag  vom 11. September 2001  half ihnen, den zunächst zögerlichen jungen Präsidenten zu überzeugen. Deutschland hat dabei dank eines hellen Moments nicht mitgemacht.

 

Aber nicht genug damit, vor allem die Art und Weise, wie die Amerikaner im Irak vorgingen, hat alles zunichte gemacht, was zu einer demokratischen Entwicklung hätte führen können. Die US-Armee sicherte Ölfelder, aber überliess Krankenhäuser, Schulen, Museen, überliess die Menschen dem Chaos. Eine bestehende Ordnung wurde zerstört, ohne den Menschen des Irak die Sicherheit einer neuen Ordnung zu gewähren, ohne ihnen Inseln bürgerlicher Rechtsstaatlichkeit auch nur ansatzweise zu bieten. Die Parteigänger des alten Regimes wurden bis hinunter zum kleinsten Mitläufer vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, der Grundstein für die Vertiefung der gesellschaftlichen Konflikte, für Gewaltexzesse und die Auflösung des irakischen Staates gelegt.

 

Krieg in Syrien

 

In Syrien dagegen haben sich die USA, hat sich Europa vornehm zurückgehalten. Hat zugesehen, wie ein übles Regime seine eigene Bevölkerung auf barbarische Weise zu zehntausenden umbrachte, qualvoll zu Tode folterte und mit schwerem Kriegsgerät bekämpfte. Eine Schuld, die auf einer Ebene steht mit dem Wegschauen beim Völkermord in Ruanda und der feigen Untätigkeit beim Massaker an unschuldigen Zivilisten in Srebrenica. Von dieser Schuld wird sich Europa nie mehr reinwaschen können.

 

Inzwischen  sind weit über 400.000 Syrer tot. Die Menschen verlassen, wenn sie können, die Killing Fields von Aleppo, Damaskus und anderswo. Dabei wäre es so leicht gewesen, Asad Einhalt zu gebieten – lange bevor Terrormilizen wie der „Islamische Staat“ entstanden. Ein oder zwei Lenkwaffen-Fregatten, wie sie beinahe jeder europäische Staat mehrfach besitzt, hätten gereicht, eine Flugverbotszone zumindest über Aleppo und anderen grenznahen Gebieten Syriens zu etablieren und es dem Asad-Regime zu verbieten, die Zivilbevölkerung dort weiter mit Fassbomben und Giftgas aus der Luft anzugreifen. Die Menschen hätten in Syrien selbst Zuflucht suchen können. Aber nichts ist geschehen, weil man „keinen Flächenbrand auslösen“ wollte. Nun ist der Flächenbrand da, samt „IS“- Terroristen und Hunderttausenden von Menschen auf der Flucht. Und die Regierungen, die ihre eigenen Prinzipien der Responsibility to Protect schändlich verraten haben, müssen nun ihrer Bevölkerung erklären, warum Hunderttausende von Flüchtlingen vor den Toren Europas stehen. Warum für Millionen von Flüchtlingen in Lagern in den Nachbarländern Syriens, in Jordanien, dem Libanon und Nordirak die Lebensmittel knapp werden. Also dort, wo man am unmittelbarsten eingreifen und frühzeitig humanitär hätte helfen können. Europa, das eben noch glaubte, an seiner Finanzpolitik scheitern zu müssen, ist dabei, sein wichtigstes Gütesiegel zu verlieren, das es nach dem letzten Weltkrieg so bewundernswert und einzigartig in der Welt zu machen schien, seine Humanität. 

Exkurs:

Verbrechen macht sich bezahlt

Die westlichen Demokratien haben den mörderischen Krieg in Syrien wiederentdeckt. Warum? Nach jahrelangem untätigen Zuschauen kommen die Bilder - die man bisher im Fernsehen abschalten konnte - nun „live“ zu uns. In Gestalt von hunderttausenden Flüchtlingen, die ihre Hoffnung auf ein Leben, auf eine Zukunft in ihrem Land aufgegeben haben. Der Krieg in Syrien kommt zu uns, und unsere Regierungen haben die „friedliche Lösung“ des „Syrien-Konflikts“ nun ganz oben auf ihrer Agenda stehen. Das soll "friedlich" und auf diplomatischem Wege durch Gespräche mit allen Beteiligten geschehen – auch mit dem, der die Barbarei in Syrien verschuldet, am Leben hält und bisher das Haupthindernis für eine Lösung ist: Bashar al-Asad.

 

Kann man den Mann, der die Hauptverantwortung an dem massenhaften Morden unter den Syrern trägt, zum Verhandlungspartner machen? Den Mann dessen Regime für zehn Mal mehr Tote, zu Tode gefolterte und grausam ermordete Syrer verantwortlich ist als die martialisch und fernsehgerecht auftretenden Terroristen des sogenannten „Islamischen Staat“.

Quelle: The Atlantik, Reuters/Benoit Tessier

Quelle: Allmystery

Quelle: MFS - 'Responsibility to Protect' - NATO could arrest Asad.

Die Argumente, die bisher dafür dienten, jede militärische Hilfeleistung für die bedrohte Zivilbevölkerung Syriens auszuschlagen, haben sich als leeres Gerede erwiesen. Die Ausbreitung des Krieges, die Radikalisierung, Islamisierung, der „Flächenbrand“, all das ist eingetreten, nicht weil man eingegriffen hat, sondern in dem jetzigen Ausmass, weil man   n i c h t  eingegriffen und nur zugeschaut hat.

 

Die jahrelange Untätigkeit in Washington, Berlin, London, Paris und den Hauptstädten anderer stolzer, demokratischer und mit modernster Waffen-technologie gerüsteter Staaten hat es – einmal abgesehen von den über 400.000 toten Menschen – inzwischen noch schwieriger werden lassen, den Krieg zu beenden.

 

Es wäre möglich gewesen, das jetzige Ausmass der Krise zu verhindern

 

Lange Zeit hätten ein paar unserer vielen mit Lenkwaffen ausgerüsteter Kriegsschiffe und AWACS-Flugzeuge in sicherer Entfernung ausgereicht, dem Asad-Regime den Luftkampf gegen seine Bevölkerung zu verbieten und relativ sichere Fluchtzonen innerhalb Syriens für die vor dem Regime und den Kämpfen fliehenden Menschen zu schaffen.

 

Ein Russland, das gerade dabei war, die Nasenspitze aus seiner ruhmlosen jüngeren Vergangenheit zu heben, hätte keinen bewaffneten Konflikt mit der NATO riskiert. Inzwischen hat Vladimir Putin – nach seinem erfolgreichen Test der Charakterfestigkeit und Entschlossenheit des Westens auf der Krim – damit begonnen, in Syrien massiv aufzurüsten und eine russische Luftwaffenbasis zu errichten. Damit wäre die Lufthoheit über dem Schlachtfeld des Bashar al-Asad nun in der Tat kein Kinderspiel mehr.

 

Aber, kann das, darf das dazu führen, den „Schlächter von Damaskus“ zum „Frie-densstifter“ zu machen? Die Menschen in Syrien flüchten und fürchten sich in erster Linie vor den Grausamkeiten und den Häschern des Asad-Regimes. Wir übersehen das gerne in unserer Islamophobie. Jedes Video über die grausame Köpfung eines Gefangenen, das der sogenannten „Islamische Staat“ veröffentlicht, sorgt für Schlagzeilen in allen Nachrichtensendungen, um zu unterstreichen, welche Gefahr, von dieser Terrororga-nisation ausgeht. Über das Dutzend oppositioneller Syrer, die zur gleichen Zeit hinter Gefängnismauern verborgen zu Tode gequält werden, lässt das Asad-Regime den Medien keine Videos zukommen. Die in Syrien herrschenden staatlichen Strukturen des Terrors und der Barbarei finden sich daher auch nur in den Nebensätzen unserer Nachrichten.

 

Syrischer Flüchtling in einem Lager im Nordirak, August 2015

 

Es gibt zu viele Syrer, für die es eine unerträgliche Vorstellung wäre, dass Asad ein Teil der Lösung sein sollte. Asad ist der Grund für die Barbarei in Syrien, ist derjenige, der sie weiterbetreibt und klug und kaltblütig zum Machterhalt seines Clans einsetzt.

 

 

Soll der "Schlächter von Damaskus" über die Zukunft Syriens mitreden?

 

Von Anfang an war er bemüht, der brutalen Gewalt seines Regimes gegen Oppositionelle das Mäntelchen des „Krieges gegen den Terror“ umzuhängen. Und seine Rechnung droht, wie geplant aufzugehen. Die Regierungen in den USA und Europa scheinen in ihrem Konflikt mit islamistischem Terrorismus das Asad-Regime wirklich für das kleinere Übel zu halten – und damit einmal wieder Ursache und Wirkung zu verwechseln. Denn es war Assad, der radikale islamistische Terroristen in Syrien ganz bewusst aus seinen Gefängnissen frei liess, während gleichzeitig Vertreter der syrischen Bürgerrechtsbewegung eingesperrt und zu Tode gefoltert wurden. Baschar al-Asad gehört somit zu den „Gründervätern“ des „Islamischen Staats“. 

 

Und, wie sieht sein „Krieg gegen der Terror“ denn praktisch aus, mit dem er sich auf gleiche Wellenlänge mit dem Westen zu mogeln versucht? Seine Truppen und Milizen kämpfen nur im Notfall einmal gegen „IS“-Terroristen“, sie bombardieren und greifen fast ausschliesslich die gemässigten Kräfte des syrischen Widerstands und zivile Ziele an. Sie setzen Kampfgase und Streubomben in den von der Opposition kontrollierten Orten ein, werfen sie auf Krankenhäuser, Schulen, und jedesmal sterben Zivilisten, darunter Frauen, Kinder, alte Menschen. Dutzende oder sogar über hundert, wie bei der Bombardierung eines Gemüsemarktes durch syrische oder russische Kampfflugzeuge. Verhandlungen mit den Unterhändlern der Vereinten Nationen hat Asad bisher lediglich dazu benutzt, Zeit für sich zu gewinnen. An die dabei getroffenen Vereinbarungen hat er sich in keinem einzigen Punkt gehalten.

 

Verhandlungen mit ihm können allenfalls darin bestehen, ihm und seinem engeren Gefolge einen Abgang zu verschaffen und zu erlauben, zu seinen Beschützern nach Moskau oder sonst wohin ins Exil zu gehen. Das wäre Realpolitik – also einer einfacheren Lösung den Vorzug zu geben und dafür auf die Bestrafung des Verbrechers Asad zu verzichten. Ihn zum Verhandlungspartner über das Schicksal Syriens und seiner Menschen zu machen, das ist der Verzicht auf jeglichen moralischen Anspruch und eine Verhöhnung der Hunderttausenden von Opfern Asads.

 

Die Stunde der Finsterlinge

 

Aber es sieht ganz danach aus, dass dies geschehen wird. Nach Jahren einer konfliktscheuen und kurzsichtigen Politik, die glaubte, sich die Probleme der Menschen am südlichen Ufer des Mittelmeeres vom Hals halten zu können, sieht Europa nun den einzigen Ausweg darin, das Gespräch mit den Finsterlingen dieser Welt zu suchen: den Asads, Putins und Erdogans.

 

Russland, nicht nur einer der Garanten für den Fortgang des Massenmords in Syrien, sondern auch Mittäter, dessen Flugzeuge aktiv an der Bombardierung der bewaffneten Opposition und der Zivilbevölkerung  beteiligt sind, wird zum Hoffnungsträger für eine Friedensregelung im nahen Osten. Ihre kurzsichtige Politik könnte die Europäer am Ende erneut teuer zu stehen kommen. Denn sie muss sich jetzt darauf einlassen, Geschäfte mit Schurken zu machen. Edogans repressives Regime in der Türkei etwa wird hofiert und bekommt das EU-Gütesiegel "sicheres Herkunftsland" verliehen, in der Hoffnung, dass Europa damit weitere Kriegsflüchtlinge erspart beiben.