Stephan Hallmann - Photographien
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Flüchtlinge im Nordirak

Flucht ohne Ende?

 

Hunderttausende von Menschen im Irak und Syrien sind auf der Flucht vor den Mörderbanden, die sich „Islamischer Staat“ nennen, und den mindestens so grausamen Milizen und Folterknechten des Asad-Regimes. Im kurdischen Nordirak finden sie Zuflucht. Aber für wie lange?

 

„Es gibt drei Möglichkeiten“, sagt Ismail Mohammad Ahmed. „Sie kehren in ihre Heimat zurück, wenn es dort wieder sicher für sie ist und ihnen beim Wiederaufbau ihrer Dörfer geholfen wird. Oder sie bleiben hier, oder versuchen weiterzukommen, nach Europa.“ Der Vize-Gouverneur der nordirakischen Provinz Dohuk spricht klar und ruhig, als handle es sich um eine simple Rechnung. Doch in Dohuk gibt es inzwischen mehr Flüchtlinge als Einheimische. Auf 500.000 Bewohner der kurdischen Region im äussersten Nordwesten des Irak kommen 650.000 Vertriebene aus den Bürgerkriegsregionen des Irak und Syriens.

 

Noch überwiegt die Solidarität mit den Flüchtlingen. Denn auch sie sind zumeist Kurden. Aber es mehren sich die Probleme. Arbeit zu finden, wird immer aussichtsloser bei dieser Menge von Menschen, die versuchen, sich und ihre Familien durchzubringen. Das Wasser wird knapp, die Krankenhäuser sind völlig überlastet.

 

„Ich kann die Diskussionen in Europa und Deutschland verstehen“, sagt der Vize- Gouverneur diplomatisch ausweichend auf die Frage, was er von den hässlichen und unwürdigen Szenen an den Grenzen Europas halte. „800.000 zusätzliche Menschen schaffen Probleme in einem Land.“

 

Die Flüchtlinge in Dohuk stammen aus den umkämpften Gebieten des Irak, aus Ramadi, Kirkuk, Mosul und aus Aleppo, Damaskus oder Hassakeh in Syrien. Überall dort, wo Asad-Regime und IS-Terroristen die Bevölkerung bedrohen und  Gewalt säen zwischen Sunniten, Schiiten, Jesiden und Christen, zwischen Arabern und Kurden. 

 

Vor seinem Haus aus Wellblech, Plastikplanen Zementbacksteinen treffen wir Lokman Mahmud, der mit Frau und Kindern aus Damaskus hierher geflüchtet ist. Ihr Haus in der syrischen Hauptstadt ist völlig zerstört. Jetzt teilen sie ihr Schicksal mit 35.000 anderen Vertriebenen im Lager „Domiz“, einem Hüttendorf, dessen staubige Gassen sogar Namen und die Hütten Hausnummern tragen. Auf die Frage nach einer baldigen Rückkehr schüttelt der 45jährige ungläubig den Kopf. Er glaubt nicht daran. In Dohuk schlägt er sich und seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten für ein paar Dollar am Tag durch.

Ein Grossteil der Flüchtlinge lebt in angemieteten Zimmern, solange das Geld noch reicht, in leerstehenden Häusern, Ruinen, manche auf der Strasse. Eine Viertelmillion Menschen hat Zuflucht in den 22 Lagern gefunden, die aus dem staubigen Boden der Ebenen und Hügel rund um Dohuk gestampft wurden. Im Augenblick trotzen sie dort unter Wellblech und Zeltplanen der sengenden Hitze von bis zu 50 Grad im Schatten. Bald werden es Regen und Kälte sein.

 

Internationale Hilfe versucht, den Menschen das Leben in den Lagern einigermassen erträglich zu machen. Darunter auch die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). In Shariya, einer Zeltstadt, die sich in der flirrenden Hitze kaum vom Ocker der kargen wüstenähnlichen Landschaft abhebt, haben die Deutschen schon einiges geleistet. Viertausend Zelte, in denen jeweils eine Familie auf 4 mal 4 Metern untergebracht ist, hat die GIZ mit Zementböden versehen, um sie regen- und winterfest zu machen. Vier Schulen wurden gebaut. Die Bauarbeiten werden weitgehend von den Flüchtlingen selbst durchgeführt, und sie bekommen Lohn dafür. „Cash for Work“ nennt sich das. Und noch ein Prinzip verfolgt die staatliche deutsche Hilfe dabei. Dazu beizutragen, die Flüchtlingskrise in der Region selbst und deren eigenem Kulturkreis lösen zu helfen.

 

Soweit das möglich ist. Nasrin Ilyas bleiches Gesicht versteinert sich, wenn die Jesidin und alleinstehende Mutter von 6 Kindern an ihre Heimat im Sindschar-Gebirge denkt, keine zwei Autostunden entfernt von hier, in der Nähe von Mossul. Die Gegend ist seit jeher umstritten zwischen Kurden, Arabern und Turkmenen, Muslimen, Christen und Jesiden. Nun haben die schwarzgekleideten Terrorkommandos, die sich „Islamischer Staat“ nennen, dort ihr blutiges Regime errichtet. Nasrin berichtet von ihrer Flucht. Wie sie mit den Kindern alles zurücklassend, zum Teil in tagelangen Fussmärschen in sengender Hitze ohne Verpflegung und Wasser das rettende Kurdengebiet im Nordirak zu erreichen versuchte. Die Angst vor Gewalt, Versklavung und Vergewaltigung im Nacken. Immer wieder mussten sie sich auf der Flucht verstecken.

 

Nasrin erzählt, wie Bewaffnete „IS“-Terroristen und von ihnen aufgewiegelte Araber die Dörfer der jesidischen Minderheit angriffen. „Ich werde nie vergessen, dass arabische Nachbarn mit diesen Mördern gemeinsame Sache gemacht haben. Nie hätte ich geglaubt, dass Menschen, neben denen wir so lange gelebt haben, uns das antun würden.“ Rückkehr? Unmöglich! Am liebsten würde sie weit weggehen von hier. Am liebsten nach Europa.

 

In seinem Amtszimmer in Erbil, dem Regierungssitz der autonomen Kurdenregion im Norden des Irak, verbreitet Hayder Mustafa Saaid nicht gerade Optimismus. Krieg und Flüchtlingsproblem haben dem wirtschaftlichen Aufschwung hier ein jähes Ende gesetzt. Und aus der Hauptstadt Bagdad fliesst auch seit Monaten kein Geld mehr. Hayder Mustafa Saaid ist Generaldirektor im Planungsministerium und rechnet uns vor, was das praktisch bedeutet. Vor allem angesichts einer Gesamtbevölkerung, die durch den Zustrom von Flüchtlingen um 28 Prozent zugenommen hat: 7.000 Hilfs- und Aufbau-Projekte wurden wegen Budgetkürzungen gestoppt, mehr als 70 Gesundheitszentren in den Flüchtlingslagern geschlossen. Es wird eng finanziell.

 

Die Flüchtlinge“, sagt der Mann der Zahlen plötzlich, so, als zählten all die gerade angesprochenen finanziellen Probleme nichts angesichts der menschlichen Not, „die Flüchtlinge können bleiben, solange sie in Ihren Heimatorten nicht sicher sind”. Worte, die nachdenklich stimmen, denkt man an jene hasserfüllten Leute zu Hause in Deutschland, die den vor Krieg und Terror Flüchtenden zurufen: “haut ab, geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!”.

 

“Wir waren doch selbst einmal Flüchtlinge,” sagt Hayder Mustafa, als ob er Gedanken lesen könnte. “1991, als wir vor der Verfolgung durch Saddam Hussein über die Grenze in den Iran und die Türkei flüchteten. Da haben wir, da hat unser Volk am eigenen Leib gespürt, wie das ist, auf der Flucht zu sein.”

Flucht-Heime