Stephan Hallmann - Photographien
Stephan Hallmann - Photographien
Coming home, Beit Hanoun, August 2014
Wohnviertel in Beit Hanoun, August 2014

G A Z A:  Terror-Krieg statt Krieg dem Terror

Vier Kriege in dreizehn Jahren. Der erste Gaza-Krieg fand 2008 statt. Vier Jahre später folgte 2012 der nächste. Nur zwei Jahre danach, 2014 der dritte und bisher verheerendste Krieg für den schmalen und durch Israel und Ägypten von der Aussenwelt abgeschnittenen Küstenstreifen. Welches Ausmaß der Krieg heute nimmt, steht noch nicht fest. Die den Gazastreifen beherrschende Hamas verfügt 2021 über grössere Feuerkraft, schiesst tausende von Raketen nach Israel hinein, die allein durch ihre große Zahl das israelische Raketenabwehrsystem über-fordern. Deshalb treffen diesmal auch viele Raketen, richten Zerstörung in Israel an und töten Menschen. Und wie gewohnt, schlägt das israelische Militär mit seiner gewaltigen Übermacht zurück. Einem Vielfachen an Feuerkraft, Zerstörung und getöteten und verletzten Menschen auf Seiten der palästinensischen Bevöl-kerung. Es scheint, als werde der israelische Staat auch diesmal seinem Prinzip folgen, jeden Angriff, jeden Anschlag von palästinensischer Seite zehnfach zu vergelten und für jeden getöteten Israeli mindestens zehn Palästinenser zu töten.

 

Israel hat den einst von ihm besetzten Gaza-Streifen vor Jahren geräumt, ohne irgendetwas zu hinterlassen, daß den Menschen dort - ein Großteil von Ihnen Flüchtlinge aus dem Gebiet des heutigen Israel - hätte helfen können, Strukturen einer zivilen Verwaltung aufzubauen. Radikale Gruppen wie Hamas haben die Gelegenheit ergriffen und ihr Regime in Gaza errichtet, nachdem Israel einen Zaun um den Küstenstreifen gezogen und ihn sich selbst überlassen hatte.

 

 

Zentrum von Khuza'a im Bezirk Khan Yunis mit dem Wasserturm und der zerstörten Moschee, August 2014

Ich habe während des Gaza-Konflikts 2014 von beiden Seiten berichtet, aus Tel Aviv und den an Gaza angrenzenden israelischen Gebieten und mehrmals auch aus Gaza selbst. Die Szenen, die ich damals neben meiner Arbeit als Fernseh-korrespondent photographiert habe, zeigen die Situation der Zivilbevölkerung, die sich von der Bedrohungslage heute kaum unterscheidet. Deshalb erinnere ich auch an sie aus diesem aktuellen Anlaß.

 

Zuvor aber ein paar Bemerkungen, um mich von den Apologeten beider Seiten zu distanzieren, von denjenigen, die den Konflikt nutzen, um ihr rassistisch-anti-semitisches Süppchen zu kochen und denjenigen, die die militärische Großmacht Israel einseitig zum unschuldigen "David", zum Opfer stilisieren.

 

Gaza und der Palästinakonflikt im Mai 2021

Ich verabscheue das rassistisch-antijüdische Geschrei von Hamas, ganz zu schweigen vom antisemitischen Bodensatz in Deutschland. Aber ich ertrage auch die offizielle Phrase vom "Selbstverteidigungsrecht" Israels nicht, das Tag für Tag Palästinenser enteignet und von ihrem Land vertreibt.

 

Niemand hat das Recht, mit Raketen auf zivile Ziele zu schießen. Das Hamas-Regime in Gaza nicht und die israelische Regierung auch nicht. Das aber tun beide. Die "chirurgischen Schläge" israelischer Raketen und Artillerie gegen "Hamas-Ziele" im dicht bewohnten Häusergewirr Gazas sind ein Märchen. Beides sind eklatante Verletzungen der Menschenrechte. Und hinter beidem steckt zynisches Machtkalkül.

 

Die Hamas-Machthaber in Gaza wissen, daß sie mit ihren wahnwitzigen Raketenangriffen viele Palästinenser in ihrer Ohn-macht und Wut gegenüber Israel ansprechen. Und die israelische Regierung muß wissen, daß sie mit der Sanktionierung des tagtäglichen Diebstahls palästinensischen Landes durch jüdische Siedler in den besetzten Gebieten den Boden bereitet, der die Wut, Ohnmacht u. Verzweiflung hervorbringt, die von Kräften wie Hamas für deren Politik genutzt wird.

 

Die Friedensbemühungen in Israel/Palästina werden seit Jahren ad absurdum geführt durch eine korrupte palästinensische Führung in der Westbank, die sich mit dem Status quo abgefunden hat, durch die radikalere Hamas-Führung in Gaza mit ihren Terrorstrategien und eine israelische Regierung, die sich dank der Überlegenheit ihres Militärs ebenfalls mit dem Status quo abgefunden hat - und diesen durch ihr Unrechtsregime in den besetzten Gebieten Stück für Stück zu ihrem Vorteil zu verändern sucht.

 

Vorbei die Zeiten, in denen die Welt bzw. die USA durch An-drohung von Sanktionen beide Seiten zu den Friedensverhandlungen in Oslo gezwungen haben. In Israel hat die Mehrheit der Menschen ihren Glauben an einen Friedensprozess verloren und verspürt auch angesichts massiver wirtschaftlicher Probleme kaum Lust, sich weiter zu engagieren.

 

Umso mehr Respekt verdienen jüdische Organisationen wie B'Tselem oder etwa die Handvoll Offiziere und Soldaten der Reserve der Geheimdienst-Eliteeinheit 8200, die aufgrund ihrer Kritik an der Politik der israelischen Regierung den Dienst verweigert hat.

 

Was für ein Mut, was für eine Charakterstärke, in einem von Feinden umgebenen, bedrohten Land die Stimme für die Rechte der vermeintlichen Feinde zu erheben. Wenn wir von Israel als der einzigen Demokratie im Nahen Osten sprechen, dann vor allem, weil es dort viele Menschen gibt, die so Großartiges leisten - trotz aller Versuche ihrer Regierung, sie daran zu hindern.

Vergeltungskrieg gegen Gaza 2014

Diese Aufnahmen entstanden im August 2014 während mehrerer Feuerpausen in Shejaiyah, einem vom israelischen Militär völlig zerstörten Stadtteil von Gaza- Stadt, in Beit Hanoun im Norden  des Gazastreifens und in Khuza’a, einem Aussenbezirk von Khan Yunis, nahe der Grenze zu Israel, in dem heftige Gefechte zwischen Israelis und Palästinensern stattgefunden haben. Ein paar wenige Bilder von früheren Besuchen, aus den Jahren 2012 und 2013, sind dabei, um nicht nur die blanke Zerstörung zu zeigen, sondern ein paar Momente aus dem "normalen" Leben in Gaza-Stadt und Rafah, an der Grenze zu Ägypten, wo jahrelang durch unterirdische Tunnel Waren aller Art, Lebensmittel, Baumaterial, aber auch Waffen nach Gaza geschmuggelt worden sind.

„Wir greifen keine Zivilisten an. Israel greift militärische Ziele an.“

Benjamin Netanyahu, israelischer Ministerpräsident am 07.08.2014

Gaza: inmitten von Parolen und Tränen

Ein paar Gedanken über die Schwierigkeit, mit diesem Krieg umzugehen.

Der Krieg in Gaza ist auch ein Kampf um Worte und Deutungshoheit. Ist die Hamas ausschließlich eine „Terrororganisation“, wie Israels Regierung sagt? Der Nahost-Konflikt stellt uns Journalisten vor ein Dilemma. 

 

Die palästinensische Seite macht es uns relativ einfach mit ihrer bizarr wirkenden grossmäuligen Rhetorik. Sie spricht von „Sieg“ und ist doch noch nicht einmal ein David gegenüber dem gewaltigen militärischen Goliath Israel. Die radikalen Palästinenser fügen den Israelis am Boden in der Tat höhere Verluste zu als in allen früheren Waffengängen.  Aber Gaza wird nicht zum „Friedhof für israelische Soldaten“, wie Hamas großsprecherisch verkündet, es ist vielmehr zu einem Friedhof für dreißigmal so viele Palästinenser geworden.

 

Geradezu verstörend geschmacklos wirken auf uns Europäer die martialischen Siegesparaden vermummter Hamas- und Islamic Jihad-Kämpfer mit ihrem Jubel über jeden getöteten Israeli. Da will man am liebsten gar nicht mehr hinschauen, geschweige denn sich die Mühe machen, nach dem Sinn solcher Veranstaltungen zu fragen und danach, was in diesen Leuten vorgeht.  Es sind eben Terroristen.

 

Die israelische Seite hat es da leichter, unser Verständnis zu finden. Nicht nur, weil Israel, unser "Heiliges Land", seine Menschen mit ihrer Religion und Kultur uns näher sind. Seine Public Relations ist moderner, klüger, einfach so, wie wir es gewohnt sind. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu - in den USA aufgewachsen und Absolvent der bedeutendsten Elitehochschulen Amerikas - ist ganz der Typ westlicher Polit-Profi. Er und sein Pressesprecher verstehen es blind, keinen Satz von sich zu geben, in dem nicht mindestens einmal die Begriffe vorkommen wie: „Israels Recht auf Selbstver-teidigung“, „Hamas-Terroristen“, „Sicherheit für Israel“ oder „die Hamas benutzt menschliche Schutzschilde“. Wenn sie nicht gerade den Konflikt mit den Palästinensern um das Land totschweigen, und aus weitgehend taktischen Gründen den Iran zum Hauptproblem für die Sicherheit Israels hochstilisieren.

 

Als um Wahrheit und Fairness bemühter "westlicher" Journalist bereiten einem die Parolen und einfachen Schuldzuweisungen beider Seiten, Israels und der Palästinenser Bauchschmerzen.

 

Unser Dilemma ist, wir stehen, wenn es um sein Existenzrecht geht, hinter Israel, teilen aber nicht unbedingt die Politik und die Methoden des Staates Israel seinen palästinensischen „Nachbarn“ gegenüber. Daher haben wir eine Formel gefunden, beiden Seiten irgendwie gerecht zu werden. Wir berichten bei der israelischen Seite über deren gute Gründe, bei den Palästinensern über deren Not und Elend. Als Reporter, als Journalisten bleiben wir damit ausgewogen: der einen Seite die Argumente, der anderen unser Mitleid.

 

Ein klares Bild der Lage entsteht dabei nicht. Keines, das beiden Seiten, Israelis und Palästinensern, gerecht würde, beide mit ihren berechtigten Ansprüchen ernst nimmt als Konfliktparteien, die eine dauerhafte Lösung  suchen. Dem stehen schon die gängigen Denk- und Rechtfertigungsmuster samt der dazugehörigen propagandis-tischen Worthülsen im Weg. Der Verantwortung, diese immer wieder kritisch zu hinterfragen, müssen wir uns als Journalisten stellen.

 

Nehmen wir das Beispiel der israelischen Sprachregelung von den „Hamas-Terroristen“, der sich Politiker und Medien in aller Welt bedenkenlos anschließen. Nun wirkt Hamas in der Tat in vielem wie eine terroristische Vereinigung und verhält sich so. Aber sie darauf zu reduzieren, heisst, sie als möglichen Gesprächspartner auszuschließen bzw. mit ihr aus der Position des Polizisten wie mit einem Kriminellen zu sprechen. Also de facto, nicht zu verhandeln, sondern lediglich Bedingungen zu stellen.

 

Hamas, das ist aber nicht nur der blanke Terrorismus, Hamas ist auch eine politisch-islamistische Bewegung, die 2006 demokratische Wahlen in Palästina gewann und die  unter den hilflosen Palästinensern mit ihrem bewaffneten Widerstand gegen Israel sogar stellenweise immer mal wieder verloren gegangenes Ansehen zurückzu-gewinnen vermag. Das macht sie nicht besser, aber doch zu mehr als nur einer dahergelaufenen „Bande von Terroristen“.

 

Beispiele aus der jüngeren Geschichte zeigen, wie kurzsichtig eine solche Banalisierung ist. Auch die irische „IRA“ war für die britische Regierung und die USA eine Terrororganisation. Aber trotzdem auch ein Gesprächspartner, und in zähen Verhand-lungen gelang es Amerikanern und Briten, einen bisher dauerhaften Frieden mit der IRA zu schliessen.

 

Die heute als gemäßigt geltende PLO im palästinensischen Westjordanland, die mit Israel in Sicherheitsfragen zusammenarbeitet, war früher geradezu ein terroristisches Schreckgespenst. Und auch der ehemalige israelische Ministerpräsident Menachem Begin war einmal ein Terrorist, der Sprengstoffanschläge gegen britische Soldaten und arabische Zivilisten verübte, ja an der Entführung und Ermordung britischer Soldaten beteiligt war. Ein makabres Detail aus der langen Geschichte dieses Konflikts, bedenkt man die Angst der Israelis heute, radikale Palästinenser könnten einen ihrer Soldaten entführen.

 

Noch ein Begriff muss in diesem Zusammenhang genauer betrachtet werden: die „menschlichen Schutzschilde“, als die die „Hamas-Terroristen“ die Bevölkerung Gazas missbrauchen. Auch dieser Vorwurf  ist nicht grundlos. Aber seine gebetsmühlenartige Wiederholung durch die israelische Regierung kann nicht über einen wichtigen Aspekt  hinwegtäuschen: Es gehören immer zwei dazu: derjenige, der sich hinter Zivilisten versteckt, und der, der dann eben auf beide, Hamas-Kämpfer und Zivilisten, schießt. Der grosse Blutzoll der palästinensichen Zivilbevölkerung und die beiweitem nicht so "präzisen" Artillerie- und Raketenangriffe des israelischen Militärs sind ein trauriger Beleg dafür. (Präzisionsgeschosse sind teuer und werden daher nicht unbedingt bei "normalem" Beschuss verwendet).  

 

Die Tatsache, dass die Hamas ihre Tunnel nach Israel nicht von den frei einsehbaren offenen Flächen Gazas aus, also unter den Augen der israelischen Überwachungs- und Kampfdrohnen gräbt, sondern im Schutz von Gebäuden, ist kaum verwunderlich. Aber auch hier fragt sich, ob man daraus das Recht ableiten kann, zehntausende von Bewohnern Gazas aufzufordern, ihre Häuser, ja ganze Stadtviertel zu verlassen, um diese dann zu zerstören.

 

Es ist nicht leicht, mit "Terroristen" zu verhandeln, wenn man gleichzeitig das Ziel ihrer Raketen  und Anschläge ist. Deshalb ist auch der Druck der Verbündeten - auf beide Seiten - so wichtig. In Israel sieht man in den Angriffen radikaler Palästinenser nur den Beweis ihres unversöhnlichen abgrundtiefen Hasses auf „die Juden“. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die verbale oder gewalttätige Radikalität so vieler Palästinenser ist auch der Ausdruck einer schrecklichen Hilflosigkeit, furchtbarer,  ohnmächtiger Wut über Unrecht und ständige Demütigungen, die sie von israelischer Seite erfahren.

 

Israelis wie Palästinenser haben letztlich keine andere Wahl, sie müssen lernen, über diesen jahrzehntelangen blutigen Schatten zu springen und sich gegenseitig akzep-tieren: die Existenz des Staates Israel ebenso, wie das Existenzrecht des palästinen-sischen Volkes in einem eigenen, unabhängigen Staat. Ohne die prinzipielle Aner-kennung der Rechte des jeweils anderen wird nie Frieden herrschen, in Israel ebensowenig wie um Israel herum. Die Maximalforderungen (die "Zerstörung Israels" auf der einen, ebenso wie der Anspruch: "Palästina hat es nie gegeben und wird es auch nie geben" auf der anderen Seite) sind beide völlig unakzeptabel.