Stephan Hallmann - Photographien
Stephan Hallmann - Photographien
Coming home, Beit Hanoun, August 2014
Wohnviertel in Beit Hanoun, August 2014

G A Z A:  Terror-Krieg statt                         Krieg dem Terror

Drei Strafaktionen gegen Gaza in sechs Jahren. Der erste Gaza-Krieg fand 2008 statt. Vier Jahre später folgte 2012 der nächste. Nur zwei Jahre danach, 2014 der dritte und bisher verheerendste Krieg für den schmalen und durch Israel und Ägypten von der Aussenwelt abgeschnittenen Küstenstreifen.

 

Diese Aufnahmen entstanden im August 2014 während mehrerer Feuerpausen in Shejaiyah, einem vom israelischen Militär völlig zerstörten Stadtteil von Gaza- Stadt, in Beit Hanoun im Norden  des Gazastreifens und in Khuza’a, einem Aussenbezirk von Khan Yunis, nahe der Grenze zu Israel, in dem heftige Gefechte zwischen Israelis und Palästinensern stattgefunden haben. Ein paar wenige Bilder von früheren Besuchen, aus den Jahren 2012 und 2013, sind dabei, um nicht nur die blanke Zerstörung zu zeigen: aus Gaza-Stadt und aus Rafah, an der Grenze zu Ägypten, wo jahrelang durch unterirdische Tunnel Waren aller Art, Lebensmittel, Baumaterial, aber auch Waffen nach Gaza geschmuggelt worden sind.

„Wir greifen keine Zivilisten an. Israel greift militärische Ziele an.“

Benjamin Netanyahu, israelischer Ministerpräsident am 07.08.2014

Zentrum von Khuza'a im Bezirk Khan Yunis mit dem Wasserturm und der zerstörten Moschee, August 2014

Gaza: inmitten von Parolen und Tränen

Ein paar Gedanken über die Schwierigkeit, mit diesem Krieg umzugehen.

Der Krieg in Gaza ist auch ein Kampf um Worte und Deutungshoheit. Ist die Hamas ausschließlich eine „Terrororganisation“, wie Israels Regierung sagt? Der Nahost-Konflikt stellt uns Journalisten vor ein Dilemma. 

 

Die palästinensische Seite macht es uns relativ einfach mit ihrer bizarr wirkenden grossmäuligen Rhetorik. Sie spricht von „Sieg“ und ist doch noch nicht einmal ein David gegenüber dem gewaltigen militärischen Goliath Israel. Die radikalen Palästinenser fügen den Israelis am Boden in der Tat höhere Verluste zu als in allen früheren Waffengängen.  Aber Gaza wird nicht zum „Friedhof für israelische Soldaten“, wie Hamas großsprecherisch verkündet, es ist vielmehr zu einem Friedhof für dreißigmal mal so viele Palästinenser geworden.

 

Geradezu verstörend geschmacklos wirken auf uns Europäer die martialischen Siegesparaden vermummter Hamas- und Islamic Jihad-Kämpfer mit ihrem Jubel über jeden getöteten Israeli. Da will man am liebsten gar nicht mehr hinschauen, geschweige denn sich die Mühe machen, nach dem Sinn solcher Veranstaltungen zu fragen und danach, was in diesen Leuten vorgeht.  Es sind eben Terroristen.

 

Die israelische Seite kommt uns da eher entgegen. Nicht nur, weil Israel, das Land, die Menschen, die Kultur uns näher sind. Seine Public Relations ist moderner, klüger, einfach so, wie wir es gewohnt sind. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu - in den USA aufgewachsen und Absolvent der bedeutendsten Elitehochschulen Amerikas - ist ein westlicher Polit-Profi. Er und sein Pressesprecher verstehen es blind, keinen grammati-kalisch vollständigen Satz auszusprechen, in dem nicht mindestens einmal die Begriffe vorkommen: „Israels Recht auf Selbstverteidigung“, „Hamas-Terroristen“, „Sicherheit für Israel“ und „Hamas benutzt menschliche Schutzschilde“. 

 

Als ehrlich bemühter Journalist bereiten einem die Parolen und einfachen Schuldzu-weisungen beider Seiten Bauchschmerzen. Aber der israelische Ministerpräsident macht es einem einfacher, klingt er doch immerhin wie ein vernünftiger, zitierbarer Politiker.

 

Unser Dilemma ist, wir stehen, wenn es um sein Existenzrecht geht, hinter Israel, teilen aber nicht unbedingt die Politik und die Methoden des Staates Israel seinen palästinensischen „Nachbarn“ gegenüber. Daher haben wir eine Formel gefunden, beiden Seiten irgendwie gerecht zu werden. Wir berichten bei der israelischen Seite über deren gute Gründe, bei den Palästinensern über deren Not und Elend. Als Reporter, als Journalisten bleiben wir damit ausgewogen: der einen Seite die Argumente, der anderen unser Mitleid.

 

Ein klares Bild der Lage entsteht dabei nicht. Keines, das beiden Seiten, Israelis und Palästinensern, gerecht würde und beide ernst nimmt, als Konfliktparteien, die eine dauerhafte Lösung  suchen. Dem stehen schon die gängigen Denk- und Recht-fertigungsmuster samt der dazugehörigen propagandistischen Worthülsen im Weg. Der Verantwortung, diese immer wieder kritisch zu hinterfragen, müssen wir uns als Journalisten stellen.

 

Nehmen wir das Beispiel der israelischen Sprachregelung von den „Hamas-Terroristen“, der sich Politiker und Medien in aller Welt bedenkenlos anschließen. Nun wirkt Hamas in der Tat in vielem wie eine terroristische Vereinigung und verhält sich so. Aber sie darauf zu reduzieren, heisst, sie als möglichen Gesprächspartner auszuschließen bzw. mit ihr aus der Position des Polizisten wie mit einem Kriminellen zu sprechen. Also de facto, nicht zu verhandeln, sondern lediglich Bedingungen zu stellen.

 

Hamas, das ist aber nicht nur der blanke Terrorismus, Hamas ist auch eine politisch-islamistische Bewegung, die 2006 demokratische Wahlen in Palästina gewann und im Augenblick durch ihren bewaffneten Widerstand gegen Israel unter den Palästinen- sern sogar wieder verloren gegangenes Ansehen zurückgewinnt. Das macht sie nicht besser, aber doch zu mehr als nur einer dahergelaufenen „Bande von Terroristen“.

 

Auch die irische „IRA“ war für die britische Regierung und die USA zunächst eine Terrororganisation. Aber trotzdem auch ein Gesprächspartner, und in zähen Verhand-lungen gelang es Amerikanern und Briten, einen dauerhaften Frieden mit der IRA zu schliessen.

 

Die heute als gemäßigt geltende PLO im palästinensischen Westjordanland, die mit Israel in Sicherheitsfragen zusammenarbeitet, war früher geradezu ein terroristisches Schreckgespenst. Und auch der ehemalige israelische Ministerpräsident Menachem Begin war einmal ein Terrorist, der Sprengstoffanschläge gegen britische Soldaten und arabische Zivilisten verübte, ja an der Entführung und Ermordung britischer Soldaten beteiligt war. Ein makabres Detail aus der langen Geschichte dieses Konflikts, bedenkt man die Angst der Israelis heute, radikale Palästinenser könnten einen ihrer Soldaten entführen.

 

Noch ein Begriff muss in diesem Zusammenhang genauer betrachtet werden: die „menschlichen Schutzschilde“, als die die „Hamas-Terroristen“ die Bevölkerung Gazas missbrauchen. Auch dieser Vorwurf  ist nicht grundlos. Aber seine gebetsmühlenartige Wiederholung durch die israelische Regierung kann nicht über einen wichtigen Aspekt  hinwegtäuschen: Es gehören immer zwei dazu: derjenige, der sich hinter Zivilisten versteckt, und der, dem das offenbar egal ist und dann eben auf beide, Hamas-Kämpfer und Zivilisten, schießt.

 

Die Tatsache, dass die Hamas ihre Tunneleingänge nicht auf den offenen Flächen Gazas, also vor den Augen der israelischen Überwachungs- und Kampfdrohnen gräbt, sondern im Schutz von Gebäuden, ist kaum verwunderlich. Aber auch hier fragt sich, ob man daraus das Recht ableiten kann, zehntausende von Bewohnern Gazas aufzufordern, ihre Häuser, ja ganze Stadtviertel zu verlassen, um diese dann zu zerstören.

 

Es ist nicht leicht, mit "Terroristen" zu verhandeln, wenn man das Ziel ihrer Raketen  und Anschläge ist. Deshalb ist auch der Druck der Verbündeten - auf beide Seiten - so wichtig. In Israel sieht man in den Angriffen radikaler Palästinenser nur den Beweis ihres unversöhnlichen abgrundtiefen Hasses auf „die Juden“. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die verbale oder gewalttätige Radikalität so vieler Palästinenser ist auch der Ausdruck einer furchtbaren, einer ohnmächtigen Wut über das Unrecht und die ständigen Demütigungen, die sie von israelischer Seite erfahren.

 

Israelis wie Palästinenser haben keine andere Wahl, sie müssen lernen, über diesen jahrzehntelangen blutigen Schatten zu springen und sich gegenseitig akzeptieren: die Existenz des Staates Israel ebenso, wie das Existenzrecht des palästinensischen Volkes in einem eigenen, unabhängigen Staat. Ansonsten wird nie Frieden herrschen, in Israel ebensowenig wie um Israel herum.