Stephan Hallmann - Photographien
Stephan Hallmann - Photographien

I S T A N B U L                               Melancholie des Molochs

 

Viel wird gesagt und geschrieben über Istanbul, die Stadt mit ihrer einzigartigen Lage am Bosporus zwischen Asien und Europa. Vieles davon ist euphorischer Schwachsinn, buntes Geschwätz in Illustrierten, Reisezeitschriften und den Bord-magazinen der Fluglinien. Die Farbigkeit und das angeblich völkerverbindende der Stadt wird beschworen, jedes Klischee bemüht. Die „Sinnlichkeit des Orients“, so schwärmen die Gazetten, treffe hier auf die "Ratio des Okzidents“.

 

 

Dabei hat Istanbul selbst in den Wintermonaten mit seiner dann zugigen, oft bitterkalten und düsteren Atmosphäre die Schönmalerei solcher Floskeln gar nicht nötig. Menschen mit Verstand und Auge, die in dieser Stadt leben, wie der Schriftsteller Orhan Pamuk oder der Photograph Ara Güler, wissen es besser. Sie sprechen von der besonderen Melancholie Istanbuls, der Traurigkeit, der Tristesse, dem „Hüzün“ der Stadt.

 

Trotz der Schönheit ihrer Lage und ihrer historischen Gebäude, trotz des Reichtums, den die vielen Reichen Istanbuls ungeniert zur Schau stellen, trotz der wirt-schaftlichen Entwicklung des Landes in den vergangenen 15 Jahren, trotz alledem hat die Türkei ihre Underdog-Mentalität Europa und Amerika gegenüber nicht abgelegt. Man ist sich der vergangenen Grösse bewusst. Aber den Anschluss daran hat man noch nicht gefunden, und es ist noch ein weiter Weg dorthin.

 

In der 15-Millionen-Stadt Istanbul trifft nicht nur Orient auf Okzident. Hier prallt auch die tiefe Armut und Arbeitslosigkeit Anatoliens auf den Reichtum der neuen türki-schen Bourgeoisie. Die alten Kirchen und Paläste, Zeugen des einstigen Osma-nischen Weltreichs, sind noch da. Aber der Geist und die Zivilisation des früheren Völker- und Glaubensgemischs am Bosporus sind verschwunden. Von den einsti-gen christlichen Gemeinschaften, von Griechen und Armeniern hat nur ein verschwindend kleiner Teil die Unduldsamkeit und Vertreibung durch türkischen Nationalismus und Islamismus überdauert. Die grosse Vergangenheit liegt wie ein Schatten auf der Stadt.

Wenn man an einem Frühlings- oder Sommertag eine der beiden Bosporus-Brücken überquert, ist der Anblick der Silhouette Istanbuls mit seinen Palästen, Moscheen und einstigen Kirchen einfach grosses Theater! Aber der Bosporus ist eben auch eine Tankerroute mitten durch Istanbul, ein vielerorts schmutziges Gewässer, ein Windkanal, der die Kaltluft des Schwarzen Meeres gnadenlos durch die Stadt bläst. Einer Stadt, die erstickt im alltäglichen Verkehrschaos hundert-tausender Autos. Die stolzen Türme und Minarette der historischen Gebäude sind umzingelt von Einheitsbauten aus gepfuschtem Billigbeton und den protzigen Glastürmen der neuen Unternehmer-Elite.

 

Alles in allem kein Ort überschwenglicher Romantik also. Zerfall, Tristesse, scham-lose Geschäftemacherei und die Narben der Geschichte sitzen tief im Mauerwerk Istanbuls. Für mich liegen Zauber und Reiz dieser aussergewöhnlichen Stadt in zahllosen Details, dem wechselnden Licht und den Stimmungen, in die es Mauern, Strassen, Dächer, das Wasser und den Himmel Istanbuls versetzt.

Über den Dächern von Istanbul

Die Stadt und das Meer

Stadt der Himmel

Gestern und Heute auf Schritt und Tritt

Wenn Istanbul weiss trägt

Vapur:  Istanbuls rostige Perlen

Immer wieder aufs Neue faszinieren mich die Fährschiffe auf dem Bosporus. Die alten, traditionellen „Vapur“ wohlgemerkt, mit ihren dröhnenden Dieselmotoren und dem schwarzen Rauch, den sie aus ihren weiss-gelben Schornsteinen aus-stossen, als wäre das Industriezeitalter gerade erst angebrochen. Pausenlos ver-kehren sie zwischen dem europäischen und dem asiatischen Ufer der Stadt, queren die Route von hunderten von Tankern und Fischerbooten.

 

Umweltschützer werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen bei den Abgas-werten der eisernen Ungetüme inmitten der Millionenstadt. Und deutsche Sicherheits-ingenieure würden ihre Anlegemanöver geradeheraus verbieten, bei denen die Istanbuler über Laufplanken – oder auch einfach links und rechts davon – an Bord springen.

 

Repariert und überholt werden die Kolosse noch immer in den  osmanischen Senkgruben jahrhundertealter Schiffswerften am Goldenen Horn. Aufgebockt auf Holzblöcken, genau so, als handle es sich noch um die hölzernen Kriegsgaleeren Sultan Süleymans des Prächtigen vor knapp 500 Jahren. Aufrecht gehalten wie anno dazumal von hölzernen Stangen, die einfach zwischen Schiffsrumpf und die antiken Mauern geklemmt werden. Doch die alten Dampfesel der Bosporus-Metropole werden allmählich durch neuere Modelle ersetzt. Seelenlose, moderne Kopien! Für mich jedenfalls.

 

Ich bin verliebt in das pockennarbige Gesicht der alten Fährschiffe, das die Schweissnähte der unzähligen Eisenplatten, aus denen ihre Haut zusammen-gezimmert ist, offen zur Schau trägt. Mit der hoch erhobenen Nase einer "alten Dame". Wenn der altmodisch scharf aufragende Bug dieser Schiffe einmal nicht mehr den Bosporus durchpflügen wird, dann verliert Istanbul sein Gesicht. Oder – formulieren wir es etwas vorsichtiger – einen sehr charakteristischen Teil seines Gesichts.  

Aydin Güler und der       Zauber des Bosporus

Nacht am Bosporus