Stephan Hallmann - Photographien
Stephan Hallmann - Photographien

Die Stille des Krieges

Photographien aus dem Bürgerkrieg in Libyen

Die Bilder entstanden kurz nach Beginn der Aufstände gegen das Ghadafi-Regime im Februar 2011 in Benghasi und danach während mehrerer Reisen an die verschiedenen Frontabschnitte dieser "arabischen Revolution". 

 

Venedig des Schreckens - Sirte, Oktober 2011

Die ruhigen, menschenleeren Bilder von Häuserruinen, ja ganzen Strassen, die zu Trümmerlandschaften geworden sind, zeigen nicht den unmittelbaren Akt der Zerstörung, auch nicht die hier getöteten, verwundeten oder traumatisierten Opfer. Sie zeigen die schreckliche Stille im „Auge des Orkans“.

 

Eine Szenerie, aus der die Menschen wie ausradiert wirken. Zerbrochene Mauern und zerfetzte Metallmasten zeugen von der Wucht des Granaten- und Kugel-hagels, dem die Bewohner über Tage, Wochen, Monate ausgesetzt waren. Eine geborstene Landschaft, gespenstisch durch die Parallelität von Stille und vehementer Zerstörungskraft. Es ist die Ästhetik, das Empfinden einer auf den Kopf gestellten Normalität, die den Betrachter hier gefangen nimmt, so, wie es auch dem Photographen geschehen ist.

Die meisten Photographien stammen aus den beiden libyschen Städten Misrata und Sirte, deren Zerstörung viel über den Bürgerkrieg in Libyen aussagt. Das Zentrum der libyschen Hafen- und Wirtschaftsmetropole Misrata, dem „Ham- burg“ Libyens, wurde von den Truppen des Ghadafi-Regimes in monatelanger Belagerung mit schwerer Artillerie und Raketen regelrecht zusammengeschossen. Die Tripolis-Strasse, wo die meisten der Bilder aus Misrata entstanden sind, war lange Zeit die Frontlinie, die mitten durch die Stadt verlief. Hier wurden im April 2011 auch der britische Photograph und Filmemacher Tim Hetherington und sein amerikanischer Kollege Chris Hondros von Granatsplittern getroffen und tödlich verletzt.

 

Der Aufstand der Bürger dieser wichtigen Stadt war dem Regime ein besonderer Dorn im Auge. Es versuchte, sie mit allen Mitteln einzunehmen. Lag sie doch nicht irgendwo weitab im Osten, sondern gerade einmal 200 Kilometer auf der Küstenstrasse von der Hauptstadt Tripolis entfernt. Misrata war das Symbol dafür, dass dies eben nicht ein „Krieg des Osten gegen den Westen Libyens“ war, sondern der Aufstand der grossen Mehrheit der Libyer gegen die Diktatur.

Weitere 200 Kilometer entfernt von Misrata, liegt Sirte, die Heimatstadt Ghadafis, der Ort, wo er zuletzt Zuflucht gesucht hatte, gefasst und umgebracht wurde. Unter seiner Herrschaft eine der reichsten und schönsten Städte Libyens. Sie wurde ausgerechnet von den kampferprobten Aufständischen-Milizen aus Misrata erobert, deren Stadt der Diktator wie  keine andere in Libyen hatte in Trümmer schiessen lassen. Die Kämpfer aus Misrata nahmen grausame Rache. Sirte wirkte, als ich Anfang November, kurz nach seiner Einnahme durch die Rebellen dort eintraf, noch zerstörter als Misrata.

Wir erreichten die Stadt am Abend. Am Morgen lag noch Rauch über manchen Häusern. Geborstene Wasserleitungen hatten ganze Strassen in Lagunen verwan- delt, in denen sich die Ruinen der zerschossenen Gebäude im Sonnenlicht spiegelten. Ein „Venedig des Schreckens“, ging es mir durch den Kopf, als ich vor diesem Vexierbild aus Ästhetik und Gewalt stand. 

Zur Zeit geschieht in Syrien ähnliches, ja durch die schiere Länge des Krieges und Zahl der Opfer schlimmeres. Durch das ganze Land, von Aleppo bis in die Vororte der Hauptstadt Damaskus zieht sich die Spur der Verwüstung. Das Assad-Regime führt Krieg – weniger gegen die bewaffneten Rebellen als gegen die Zivilbe-völkerung - mit schwerer Artillerie, Raketen, Kampfflugzeugen und heimtücki- schen Waffen wie chemischen Kampfstoffen. Die zahllosen Milizen auf Seiten der Aufständischen rächen sich grausam an den Gefolgsleuten des Regimes. Millionen Syrer sind auf der Flucht oder eingeschlossen in ihren zur Kampfzone gewordenen Städten und Dörfern. Orte, deren Häuser und Strassen den geborstenen Trümmerlandschaften von Misrata und Sirte in Libyen gleichen.

Das Inferno des Krieges

Manchmal ist es die Manipulation, die Verfremdung eines Bildes, die dem Horror der Reali- tät vielleicht am nächsten kommt.